Berufliche Neuorientierung

Wer in Vollzeit beschäftigt ist, verbringt täglich acht Stunden oder mehr auf der Arbeit. Bei dieser Menge an Zeit ist es nicht verwunderlich, dass Kollegen schnell zu einer zweiten Familie werden können und der Beruf einen Teil der eigenen Identität darstellt. Allerdings gibt es auch einige Arbeitnehmer, die mit Ihrem Job unzufrieden sind, sich unwohl fühlen und am liebsten alles hinschmeißen würden. Der Wunsch nach Veränderung ist groß. Noch mal ganz von vorne anfangen – ein beruflicher Neuanfang – darüber denkt jeder Arbeitnehmer im Laufe seines Lebens einmal nach.

Aber wann macht eine berufliche Neuorientierung wirklich Sinn? Oft liegen die Ursachen der Frustrationen über die Arbeit viel tiefer und werden bei einem Wechsel des Berufs nur von einer Stelle zur nächsten übernommen. Deshalb sollten Sie einige Aspekte bedenken, wenn Sie eine berufliche Neuorientierung anstreben.

Ursachen für die Unzufriedenheit am Arbeitsplatz

Bevor Sie das Kündigungsschreiben für Ihre aktuelle Position verfassen, sollten Sie sich zunächst Gedanken darüber machen, was genau Sie an Ihrer Tätigkeit stört. Stellt sich hierbei heraus, dass die Gründe für Ihre Unzufriedenheit nicht Ihr Beruf an sich, sondern Ihre eigenen Erwartungen sind, stehen Sie im neuen Job schnell vor demselben Problem.

Wenn Sie mit den materiellen Faktoren Ihres Jobs unzufrieden sind, kann ein Arbeitgeberwechsel bereits viel bewirken:

  • Länge des Arbeitsweges
  • Gehaltshöhe
  • Flexible Arbeitszeiten
  • Berufliche Aufstiegsmöglichkeiten
  • Arbeitsatmosphäre und Betriebsklima
Viele Bewerber denken, dass Sie ab einem bestimmten Alter keine Chancen mehr auf einen neuen Job haben. Das stimmt aber nicht! Welche Vorteile Sie als erfahrener Arbeitnehmer mitbringen und was Sie bei der Bewerbung im Alter beachten sollten, erfahren Sie in unserem Beitrag über die Bewerbung mit 50+.

Wenn allerdings andere, immaterielle Faktoren die Ursache der Unzufriedenheit darstellen, sollten Sie über eine berufliche Neuorientierung nachdenken:

  • Selbstverwirklichung
  • Work-Life-Balance
  • Anerkennung
  • Sinnhaftigkeit der Tätigkeit

Selbsttest: Ist es Zeit für eine Neuorientierung?

Stellen Sie sich selbst die folgenden 10 Fragen und überlegen Sie sich danach genau, ob eine berufliche Neuorientierung Ihre aktuelle Situation wirklich verbessern kann. Außerdem sollten Sie sich fragen, welche Erwartungen Sie an Ihren Beruf haben und aus welchen Gründen Sie Ihre aktuelle Stelle angetreten haben.

  • Wie lange bin ich schon unzufrieden?
  • Was genau stört mich?
  • Gibt es persönliche Hintergründe, die einen Einfluss auf mein Arbeitsleben haben?
  • Gibt es ein Problem mit meinen Kollegen / Vorgesetzten oder der Arbeit an sich?
  • Kann ich selbst etwas an meiner Situation verändern?
  • Was möchte ich in meinem Beruf erreichen?
  • Kann ich mein volles Potenzial in meinem aktuellen Beruf ausnutzen?
  • Wieso habe ich mich für meine aktuelle Stelle entschieden?
  • Bin ich in der Lage, die Risiken einer Neuorientierung einzugehen?
  • Gibt es Alternativen?
Die Entscheidung für oder gegen einen beruflichen Neustart kann weitreichende Folgen haben. Seien Sie deshalb stets ehrlich zu Ihnen selbst.

Was Sie vor einem beruflichen Neuanfang beachten sollten

Um Ihre Entscheidung nicht zu überstürzen, warten Sie zunächst etwas ab und versuchen Sie, kleine Veränderungen an Ihrem aktuellen Arbeitsplatz zu bewirken.

  • Abwarten – Manchmal hat man einfach eine schlechte Phase, die wieder vergeht. Warten Sie einige Wochen oder sogar Monate ab, ob sich Ihre Lage wieder verbessert.
  • Problem erkennen – Es ist Zeit verstrichen und Ihre Situation hat sich nicht verbessert oder gar verschlechtert? Neben Ihrem mentalen Unwohlsein sind nun auch körperliche Beschwerden hinzugekommen? Dann sollten Sie jetzt handeln.
  • Ursachen ausfindig machen – Was genau ist der Grund für Ihre Unzufriedenheit? Liegt es tatsächlich an ihrem beruflichen Umfeld? Übertragen Sie vielleicht Ihre privaten Probleme auf die Arbeit oder liegt es womöglich an Ihrer persönlichen Einstellung?
  • Lösungswege finden – Überlegen Sie sich, wie Sie Ihre Situation am ehesten verbessern können. Brauchen Sie neue Herausforderungen oder nur eine Gehaltserhöhung? 
  • Gespräch suchen – Als nächstes sollten Sie das Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten suchen und Ihre Unzufriedenheit ansprechen. Eventuell können Sie zusammen Maßnahmen ergreifen, sodass Sie wieder glücklicher mit Ihrer aktuellen Tätigkeit sind.
  • Berufliche Neuorientierung oder Arbeitgeberwechsel? – Konnten Sie mit Ihrem aktuellen Arbeitgeber keine Lösung finden oder sind sich sicher, dass Sie einen Neuanfang wollen? Dann ergreifen Sie jetzt Ihre Chance auf Verbesserung!
Angst und Zweifel sind bei einem so großen Schritt normal. Lassen Sie sich davon nicht abschrecken und überlegen Sie sich, ob Ihre Ängste gerechtfertigt sind. Bedenken Sie aber, dass solche immense Veränderungen immer ein bisschen Mut verlangen.

Möglichkeiten zur beruflichen Neuorientierung

Haben Sie sich für eine berufliche Neuorientierung entschieden, existieren verschiedene Möglichkeiten der Umschulung. Welche Sie für sich nutzen können, hängt von Ihrer Berufswahl, Ihren Vorerfahrungen und Ihren Lebensumständen ab. Um nicht vom Regen in die Traufe zu kommen, sollten Sie sich vorab umfangreich informieren. Eine professionelle Karriereberatung und Coaches können Ihnen dabei helfen und Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt einschätzen.

  • Quereinstieg
    Durch Weiterbildungen können Sie in manchen Berufen als Quereinsteiger Fuß fassen. Dies geht insbesondere gut, wenn im gewählten Beruf Personalmangel herrscht. Als Quereinsteiger sollten Sie im Bewerbungsverfahren selbstbewusst auftreten. Zwar sind Sie nicht für den Beruf ausgebildet worden, bringen aber trotzdem Fähigkeiten und Erfahrungen mit, die Ihnen im Job helfen. Signalisieren Sie außerdem Motivation und Lernbereitschaft, um Zweifel der Personaler aus dem Weg zu räumen. 
  • Studium
    Ein Studium kann ebenfalls eine Möglichkeit zur beruflichen Neuorientierung bieten. Die Berufsaussichten nach einem Studium der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) oder einer Ingenieurswissenschaft sind auch ab 30 Jahren noch sehr gut. Allerdings ändert sich die finanzielle Unterstützung ab dem 30. Lebensjahr für Studenten maßgeblich. Der Anspruch auf BAföG und preisreduzierte studentische Krankenversicherung erlischt. Wer nicht über genug Erspartes verfügt, muss also neben dem Studium arbeiten. Für Berufstätige empfiehlt es sich daher ein Teilzeit- oder Fernstudium zu absolvieren.
  • Ausbildung
    Aktuell werden in vielen Branchen Azubis händeringend gesucht. Ihre Chancen mit einer Ausbildung beruflichen Neustart zu erreichen, stehen also gut. Für Berufstätige, die sich für eine Ausbildung entscheiden, kann das Ausbildungsgehalt eine immense finanzielle Veränderung bedeuten. Je nach Alter und Lebensumständen bietet der Staat aber finanzielle Unterstützung. Die Bundesagentur für Arbeit kann Sie beraten, welche Förderung in Ihrem Fall in Frage kommt.
Sollten Sie innerhalb Ihrer Branche lediglich den Arbeitgeber wechseln, empfiehlt es sich, diesen zunächst genau unter die Lupe zu nehmen. So können Sie verhindern, dass Sie nach kurzer Zeit wieder mit den alten Ärgernissen konfrontiert werden. Lesen Sie unter folgendem Link mehr zu den Besonderheiten der Bewerbung bei einem Jobwechsel – Unter anderem, wie man den Wechsel im Anschreiben begründen oder einen Mangel an Erfahrung ausgleichen kann.

Checkliste: Ablauf der beruflichen Neuorientierung

Wenn Sie eine gänzlich neue Tätigkeit aufnehmen wollen, sollten Sie nach den folgenden Schritten verfahren:

  • Informationen sammeln – Wahrscheinlich haben Sie bereits einen bestimmten Beruf im Auge, der Sie schon lange reizt. Erkundigen Sie sich nach verschiedenen Tätigkeiten, sei es durch Freunde oder Familienmitglieder, das Internet oder verschiedene Agenturen.
  • Realistische Erwartungen – Viele Berufe hören sich erstmal spannend und abwechslungsreich an, entsprechen in der Realität jedoch nicht den Erwartungen. Informieren Sie sich deshalb gut über die angestrebte Tätigkeit und absolvieren Sie gegebenenfalls ein Praktikum, um den passenden Beruf zu finden.
  • Planen – Welche Ziele möchten Sie langfristig in Ihrem Job erreichen und was ist Ihnen im Leben wichtig? Wählen Sie einen Beruf aus, den Sie auch im Alter noch ausüben können und der Sie für die Zukunft absichert.
  • Traumjob finden – Sie haben sich genügend informiert, Praktika absolviert und sind sich sicher: das ist Ihr Traumjob. Der nächste Schritt ist die Bewerbung.

Berufliche Neuorientierung in der Bewerbung erklären

Die berufliche Neuorientierung muss kein Manko Ihrer Bewerbung sein. Wenn Sie nachvollziehbar erklären, warum Sie eine Neuorientierung anstreben und deutlich machen, dass Sie der geeignetste Kandidat für die Stelle sind, können Sie Personalverantwortliche von sich überzeugen.

So können Sie Ihre Neuorientierung im Bewerbungsschreiben darlegen:

  • „Nach fünf Jahren als Bankkaufmann möchte ich mich nun einer neuen Herausforderung stellen und meiner großen Leidenschaft dem Kochen nachgehen.“
  • „Durch einen Schicksalsschlag in der Familie habe ich realisiert, wie wichtig der Beruf des Krankenpflegers ist. Deshalb möchte ich nun eine Ausbildung zum Krankenpfleger mit dem Ziel absolvieren, gesellschaftlich etwas zu bewirken.“
  • „Sieben Jahre lang habe ich als Friseur gearbeitet. Nun muss ich diesen Beruf aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, weil ich diverse Allergien entwickelt habe. Dies sehe ich jedoch als Chance, meinen Horizont zu erweitern und mich neuen Herausforderungen zu stellen. Jetzt möchte ich eine Ausbildung zum Verkäufer beginnen, da ich immer gerne mit Menschen gearbeitet habe und den Umgang mit Kunden als eine meiner Stärken ansehe.“

Vor- und Nachteile

Vorteile

  • Ein frischer Start in einem neuen Umfeld kann Sie wieder aufblühen lassen.
  • Neue Erfahrungen sammeln in einem anderen Unternehmen.
  • Bessere Arbeitsbedingungen.
  • Höhere Zufriedenheit mit dem neuen Job, wenn Sie es richtig angehen.

Nachteile

  • Zu häufige Wechsel im Werdegang wirken unstrukturiert und werfen Fragen im Vorstellungsgespräch auf.
  • Falls Sie sich zu viel von der Neuorientierung versprechen oder aus den falschen Gründen gekündigt haben, werden Sie im neuen Job schnell wieder frustriert sein.
  • Einen neuen Arbeitsplatz zu finden, ist nicht immer einfach. Ein Wechsel muss deshalb gut überlegt sein.
Falls Sie den Arbeitgeber nicht wechseln wollen, bietet sich die sogenannte Karriereflexibilität an. Hierbei bleiben Sie im Unternehmen, führen jedoch eine andere Tätigkeit aus. Dadurch erhalten Sie neue Blickwinkel auf die Prozesse innerhalb des Unternehmens. Dieses Mittel kommt dann infrage, wenn Sie das Gefühl haben, beruflich nicht voranzukommen. Suchen Sie hierfür das Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten.