Anonyme Bewerbung

Anonyme Bewerbung Beispiel Lebenslauf
Beispiel für den Lebenslauf einer anonymen Bewerbung

Die Persönlichkeit in einer Bewerbung ist für viele Arbeitgeber das ausschlaggebende Kriterium. Sie wollen die Bewerber einstellen, die in das Firmenprofil passen und die richtige Philosophie und Moral vertreten.

Doch genau diese sehr persönliche Betrachtung gilt heutzutage immer öfter als unfair oder sogar diskriminierend. Die Probleme reichen von Vorurteilen bezüglich des Geschlechts, der Hautfarbe oder des Alters eines Bewerbers.

Viele Unternehmen wollen lieber junge Mitarbeiter, die belastbar sind und nicht in 5-10 Jahren in Rente gehen – doch kein Mensch sollte im Bewerbungsprozess auf Grund von Diskrimination ungleiche Chance erhalten.

Das anonymisierte Bewerbungsverfahren soll vor Diskriminierung, Rassismus und Sexismus und Ungleichbehandlung schützen. Doch wie sinnvoll sind anonyme Bewerbungen wirklich, was sind Vor- und Nachteile und wie sieht ein Beispiel aus?

Typische Vorurteile im Bewerbungsprozess

Nur junge Arbeitnehmer treiben das Unternehmen zukunftsfokussiert nach vorne, Frauen leisten weniger als Männer und werden früher oder später schwanger und Mitarbeiter mit Behinderungen leisten noch weniger als Frauen – all diesen Vorurteilen sehen sich Arbeitnehmer im Rahmen eines Bewerbungsprozesses mitunter ausgesetzt. Obwohl die Arbeitsuchenden die entsprechenden Qualifikationen für die vakante Stelle aufweisen, werden sie dennoch häufig nicht zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

Anonyme Bewerbung

Dem Sozialwissenschaftler Ruud Koopmanns zufolge spielen die kulturelle Differenz und Distanz des Herkunftslandes eines Bewerbers im Vergleich zu Deutschland eine signifikant entscheidende Rolle im Einstellungsverfahren. Arbeitssuchende, die abweichende Werte im Vergleich zur deutschen Gesellschaft vertreten, müssen mit einer Diskriminierung in Bewerbungsverfahren rechnen.

Vorurteile sind in der Psyche des Menschen tief verwurzelt und können Entscheidungen unbewusst beeinflussen, auch gegen den eigenen Willen. So können sich die Familienverhältnisse, das Bewerbungsfoto sowie der Familienname als Vor- oder Nachteil für den Bewerber gestalten.

Fast jeder Mensch neigt zu einem „Schubladendenken“ und ordnet Menschen selektiv in bereits vorgegebene Cluster (Ansammlung verschiedener Vorannahmen, die sich zu einer festen Meinung formen) ein, welche von Vorurteilen behaftet und tief im Gehirn verankert sind. Genau hier soll die anonymisierte Bewerbung Abhilfe schaffen.

Ziel des anonymen Bewerbungsverfahrens

Bei der anonymen Bewerbung fällt das Foto als Haupterkennungsmerkmal weg. Auch der Name, das Alter, die Herkunft, der Familienstand und die persönlichen Interessen werden entfernt. Übrig soll eine Bewerbung bleiben, die sich ausschließlich auf die Qualifikationen und die Fähigkeiten des Bewerbers bezieht.

Ziel des anonymisierten Bewerbungsverfahrens ist es demnach, den Bewerber vor Diskriminierung zu schützen. Vorurteile sollen unterdrückt und vermieden werden, um einen möglichst chancengleichen und fairen Bewerbungsprozess zu etablieren und zu fördern.

Tipp für das Vorstellungsgespräch: Durch die womögliche Einladung zum Vorstellungsgespräch wird die Identität des Bewerbers gelüftet und alle konkreten Informationen zur Person nachgeliefert. Hat ein Bewerber es ins Gespräch geschafft, muss dieser seine Qualität bzw. Qualifikation zu verkaufen wissen.

Aufbau einer anonymen Bewerbung

Der Aufbau einer anonymen Bewerbung unterscheidet sich strukturell nicht vom Aufbau einer gewöhnlichen Bewerbung. Dokumente wie das Deckblatt oder Motivationsschreiben machen bei einer anonymen Bewerbung jedoch wenig Sinn und sollten deshalb weggelassen werden.

Ihre anonyme Bewerbung darf selbstverständlich keine persönlichen Angaben enthalten bzw. diese nur geschwärzt darstellen und sollte ausschließlich Ihre Fähigkeiten sowie die für die vakante Stelle erforderlichen Qualifikationen in den Fokus stellen

Ihr anonymisierter Lebenslauf sollte folgende Informationen nicht beinhalten:

  • Vor- und Nachname sowie die vollständigen Kontaktinformationen (Anschrift, Telefonnummer, E-Mail-Adresse, Link zum XING- und / oder LinkedIn-Profil etc.)
  • Ihre Konfession, Ihr Geschlecht, Ihren Familienstand und Ihre Staatsangehörigkeit
  • Ein Bewerbungsfoto
  • Hobbys oder Aktivitäten, welchen Sie in Ihrer Freizeit gerne nachgehen
  • Jahreszahlen

Beispiel für eine anonyme Bewerbung

Nutzen Sie unsere kostenlose PDF Vorlage, um einen besseren Eindruck davon zu bekommen, wie Ihre anonyme Bewerbung aussehen könnte. Die im Bewerbungsschreiben dargestellten Felder dienen lediglich zur Erläuterung des Aufbaus und werden in einer anonymen Bewerbung selbstverständlich nicht geschwärzt.


Vor- & Nachteile der anonymen Bewerbung

Vorteile

  • Die Vielfalt der Bewerber kann geleistet werden, da durch die anonymisierte Bewerbung neue Bewerbungsgruppen erschlossen werden können.
  • Es ist einfacher, die Bewerber untereinander zu vergleichen, da die Schlüsselinformationen besser ersichtlich sind.
  • Durch die anonymisierte Bewerbung gestaltet sich die Arbeit von Personalern effizienter. Dieser Umstand ist wiederum für die Bewerber von Vorteil.
  • Dank der Chancengleichheit bekommen Bewerber die Möglichkeit, ohne Risiko auf Vorurteile durch ihre Qualifikationen zu überzeugen.

Nachteile

  • Für die Bewerbung auf kreative Stellen oder Führungspositionen ist eine anonymisierte Bewerbung hinderlich. Spezifische Stellen erfordern Individualität seitens der Bewerber.
  • Es mag nicht sehr aussagekräftig sein, allein die Leistungen eines Bewerbers zu bewerten, da so der Individualität des Bewerbers zu wenig Beachtung geschenkt wird.
  • Für den Bewerber ist die Erstellung einer anonymen Bewerbung zeitlich aufwendiger.
  • Zwar bietet die anonymisierte Bewerbung zunächst eine Chancengleichheit, jedoch können Bewerber beim persönlichen Kontakt (z.B. beim Vorstellungsgespräch) ausscheiden. Die Diskriminierung wird demnach lediglich aufgeschoben.

Anonyme Bewerbung in Deutschland - Erfahrungsberichte

Da in Deutschland, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern (wie den USA oder Kanada), die anonyme Bewerbung meistens nicht erwünscht ist, haben sich 8 Unternehmen (darunter auch große und bekannte Wirtschaftskonzerne) für ein Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle zur Verfügung gestellt. Die am Projekt teilnehmenden Arbeitgeber haben ein Jahr lang ausschließlich anonyme Bewerbungen angenommen. In diesem Zeitraum wurden insgesamt 8.550 Bewerbungen ausgewertet und letztendlich 246 Personen eingestellt.

Nach Ablauf des Jahres wurde ein Fazit der beteiligten Unternehmen gezogen, welches durchaus positiv ausfiel. Die Personaler beurteilten insbesondere die fehlende Ablenkung durch subjektive Eindrücke als positiv. Allerdings wollen nur 4 der 8 Unternehmen das anonymisierte Bewerbungsverfahren weiterhin einsetzen. Da zu viele Angaben im Lebenslauf unkenntlich gemacht werden müssen oder überhaupt nicht eingefügt werden können, entschieden sich die Unternehmen dafür, das klassische Bewerbungsverfahren für die zukünftige Bewerbungskultur weiterhin zu bevorzugen.

Mögliche Probleme der anonymen Bewerbung

Manche Stationen im Lebenslauf können auf persönliche Angaben des Bewerbers hinweisen. Beispielsweise könnte der vor ein paar Jahren noch als Pflicht geltende Grundwehrdienst oder Zivildienst ein vergleichsweise sicherer Hinweis auf das Geschlecht des Bewerbers sein. Lässt man diese Station seines Werdegangs jedoch aus, entsteht eine unschöne Lücke im Lebenslauf.

Ebenso ausschlaggebend ist die Problematik mit der Vielfältigkeit der Neueinstellungen. Heutzutage wird die Gleichstellung von Frauen und Männern in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft angestrebt. Jedoch kann die geschlechterbezogene Quotenregelung bei der Besetzung von vakanten Stellen nicht umgesetzt werden, wenn das Geschlecht des Bewerbers unbekannt ist.

Auch birgt das Know-how und die Kreativität bei der Gewinnung von ausländischen Fachkräften einen elementaren Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Durch die anonyme Bewerbung können internationale Fachkräfte jedoch nicht gezielt als fester Bestandteil der Belegschaft integriert werden.

So entgehen dem Arbeitgeber möglicherweise Bewerber, die das Unternehmen bereichern würden. Allein die Tatsache, dass mehrere Großunternehmen die anonyme Bewerbung getestet und wieder verworfen haben, zeigt, dass sie sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt in naher Zukunft nicht durchsetzen wird.


Fazit

Das Anonymisieren von Bewerbungsunterlagen kann bewusster oder unbewusster Diskriminierung entgegenwirken, doch die Schlussfolgerung, dass allein dadurch eine Chancengleichheit entsteht, bleibt ungewiss.

Eine gelungene Bewerbung sollte neben den fachlichen Qualifikationen auch die Persönlichkeit, den Charakter und die Individualität des Bewerbers in den Vordergrund rücken. Schließlich ist auch die Teamfähigkeit bzw. wie gut eine Person in das bestehende Gefüge eines Unternehmens passt eine entscheidende Schlüsselqualifikation, die zu tragen kommt, wenn Menschen aufeinandertreffen.

Rückschlüsse anhand einer anonymen Bewerbung auf die Persönlichkeit, die Teamfähigkeit oder andere Charaktereigenschaften zu ziehen, ist schwierig. Eine aussagekräftige Bewerbung mit Persönlichkeit und Charakter bleibt das beste Mittel für eine erfolgreiche Jobsuche.